VORGEBURTLICHES TRAUMA (ZWILLINGSVERLUST) UND DAS KÖRPERGEDÄCHTNIS Selbst-integrierende Auflösung eines Pränatalen Verlusttrauma´s Ero Langlotz, 2.8.2024
Als mir das Thema verlorener Zwilling zum ersten Mal begegnete – vielleicht vor 25 Jahren? - da konnte ich es als Arzt und Naturwissenschaftler mir nicht vorstellen, dass der frühe Verlust eines Zwillings-Geschwisters in der 8.-12. Woche so gravierende Folgen haben könnte, für ein Kind und später für einen Erwachsenen. Um so mehr als die Tatsache eines solchen Geschehens im Nachhinein nicht bewiesen werden kann. War das nicht alles esoterische Verwirrung, ähnlich wie die Vorstellung einer „Seelenverwandschaft“? Zumal sich ja in der Regel weder die Mutter-und schon gar nicht das Kind an dies Ereignis erinnern können! Inzwischen aber bin ich davon überzeugt, dass 30-40% von uns zu Beginn der Schwangerschaft nicht alleine im Mutterleib waren, sondern zusammen mit einem Zwilling – seltener auch mit zwei Drillingen. Und dass die Betroffenen diesen „Zwillingsmodus“ - diese harmonische Zweisamkeit – so gespeichert haben, als wäre das ihre eigentliche Identität. Daher war der frühe Verlust dieses Zwillings ein existenziell bedrohliches Trauma.
Zwillingsverlust...zunächst nur eine Hypothese Wenn heute ein Klient mit diesem Thema kommt, bzw. wenn ich auf Grund bestimmter, weiter unten erläuterter „Indizien“ einen frühen Zwillingsverlust annehme, dann behandle ich das zunächst als Hypothese. Die Aufstellungsmethode ist besonders gut geeignet, diese Hypothese zu überprüfen, da sie die Phänomene Raum und Grenze unmittelbar symbolisiert, und daher körperlich spürbar machen kann.
Der Klient stellt nach seinem Gefühl – nicht nach seinem Verstand! - für den vermuteten Zwilling und für seinen eigenen Wesenskern (sein „Wahres Selbst“) Stellvertreter oder Symbole auf. Meist steht er dann dem vermuteten Zwilling näher als seinem wahren Selbst! Nicht selten ist er selber davon überrascht! Das ist für mich der erste Hinweis darauf, dass es sich tatsächlich um einen verlorenen Zwilling handeln könnte. Dann überprüfe ich - sozusagen experimentell - durch die Aufstellung, ob die Begegnung und dann der Abschied von diesem vermuteten Zwilling eine emotionale Reaktion auslöst. Wenn dann sehr heftige Gefühle, Schmerz, und Trauer den Klienten überfluten, wenn er dann „Rotz und Wasser heult“ – zu seiner eigenen Überraschung! - dann ist für mich die Hypothese eines verlorenen Zwillings bewiesen.
Der „Zwillingsmodus“ als Identität Um dies Phänomen zu erklären, muss man annehmen, dass die Existenz eines Zwillingswesens im Mutterleib vom Klienten bereits als Embryo im Körper abgespeichert wurde, so als gehöre dies Wesen unverlierbar zu ihm. So als könne er nur in diesem „Zwillingsmodus“ glücklich und vollständig sein. Denn den Modus „zufrieden alleine im Mutterleib“ hatte er ja nie kennen gelernt!
Zwillingsverlust wie Amputation Dann wird nachvollziehbar, wie sehr der frühe Verlust dieses Zwillings dessen Identitätsgefühl bedroht hat. Anscheinend löste der Verlust einen existentiell bedrohlichen Schmerz aus, wie bei einer Amputation „ohne Narkose“. Und dieser Schmerz wurde im Körper gespeichert, ohne dass das dem Klienten bewusst werden konnte. Zusammen mit einer tiefen Trauer, dem Gefühl, alleine gelassen worden zu sein. Nicht selten auch mit großen Schuldgefühlen. Betroffene Klienten kennen diese bisher unerklärlichen Schuldgefühle und können sie heute sprachlich formulieren: „als hätte ich ihn retten müssen.“ „Als hätte ich sein Ende verschuldet“ oder „Als hätte ich ihm in den Tod folgen müssen – damit wir beide nicht getrennt werden durch den Tod!“
Bisweilen können Klienten im Aufstellungsprozess spüren, ob der Zwilling ein Bruder oder eine Schwester war. Der Verlust eines Zwillingsbruders kann dann für eine Klientin besonders belastend sein, wenn deren Eltern sich so dringend einen Sohn gewünscht hätten. Dann kann sich – unbewusst!! - eine Vorstellung einprägen: „besser wäre ich an seiner Stelle gestorben!“ Oder „dann muss ich für meine Eltern diesen gewünschten Sohn ersetzen!“ Das Wieder-Erkennen dieser vorsprachlich entstandenen Glaubenssätze heute ist für die Klienten sehr bewegend – und entlastend. Endlich versteht er diese Gefühle, diese Glaubenssätze, die bisher für ihn selber – und für andere – so unverständlich waren, ja vielleicht sogar „verrückt“ erschienen.
Vorgeburtliche Erfahrungen sind vorsprachlich und werden daher im Körper abgespeichert Da dies Ereignis pränatal, also in einer vorsprachlichen Entwicklungsstufe stattfand, konnte es nur als Gefühl im Körper abgespeichert werden. Die Hirnrinde, die sprachliche Inhalte speichern kann, war noch nicht entwickelt. Spätere Erfahrungen von Trennung oder Verlassen-werden können offensichtlich diesen Schmerz „triggern“, sodass der Klient überflutet wird von den damaligen Gefühlen: einer tiefen Trauer, nicht selten verbunden mit Schuldgefühlen, Verzweiflung und Wut.
Symptome des „überlebenden“ Zwillings Kinder mit diesem vorgeburtlichen Verlust-Trauma schreien oft – anscheinend ohne Grund : „Schreikinder“. Sie klammern sich ängstlich an ihre Bezugspersonen – um sie nicht zu verlieren? Und sie suchen den nahen Hautkontakt. Oft können sie alleine gar nicht einschlafen. Sie fühlen sich oft unsagbar alleine und verlassen. Bisweilen spüren sie unerklärliche Schuldgefühle, so als hätten sie selber nicht das Recht zu leben, als hätten sie den Zwilling retten sollen - oder als hätten sie vielleicht sogar selber sein Verschwinden verursacht. Sie spüren eine tiefe Sehnsucht nach einer verschmelzenden und ausschliesslichen Beziehung zu einem anderen Wesen, um den früheren „Zwillingsmodus“ wieder herzustellen. Das kann die Mutter betreffen, ein Geschwister, oder eine Freundin. Später den Partner, ein eigenes Kind. Nicht selten tritt auch ein innig geliebtes Tier an die Stelle des verlorenen Zwillings! Selbst dann, wenn die Betroffenen endlich diese verschmelzende Bindung gefunden zu haben glauben, kann nicht selten eine heftige Verlustangst auftreten. Diese – zusammen mit dem Bedürfnis nach Ausschliesslichkeit der Beziehung – kann dann heftige Eifersuchtsgefühle auslösen.
Diese Gefühle können in unterschiedlicher Intensität und in unterschiedlichen Kombinationen auftreten. Besonders intensiv sind sie bei sensiblen und sehr Fantasie-begabten Menschen.
Bisweilen haben Betroffene auch das Gefühl, ihren richtigen Platz nicht zu finden, in der Familie, in der Gesellschaft – vielleicht aus einer unbewussten „Identifizierung“ mit dem verstorbenen Zwilling, der auch keinen Platz in der Familie und in der Welt finden konnte?
Da sie sich nur mit dem Zwilling vollständig und glücklich gefühlt haben („Zwillingsmodus“) konnten sie keine Wahrnehmung für eigene aber auch für fremde Grenzen entwickeln. Sie konnten auch ihr wahres Selbst, das sich alleine vollständig fühlen kann, nicht kennen lernen. Sie haben sozusagen den (sterblichen) Zwilling verwechselt mit ihrem (unverlierbaren!) Selbst. Das erklärt ihr symbiotisches Beziehungsmuster, mit Tendenzen zu Übergriffigkeit (Helfersyndrom) oder der Bereitschaft, sich von anderen benutzen zu lassen. In traumatisierten Familien kann das bewirken, dass die Betroffenen sich für die Probleme der belasteten Familienmitglieder zuständig fühlen.
Diese unterschiedlichen Gefühle können das Selbstwertgefühl und die Fröhlichkeit der Betroffenen erheblich beeinträchtigen. Umso mehr, da sie scheinbar grundlos auftreten, bzw. da den Betroffenen die eigentliche Ursache ihrer Gefühle unbekannt ist. Daher tendieren sie dazu, diese widersprüchlichen Gefühle als Teil ihrer Identität zu verstehen, so als gehöre das zu ihrem Charakter dazu.
Die Stärken der überlebenden Zwillinge Manche Betroffene entwickeln ausgeprägte mediale Fähigkeiten - auch das eine Folge einer eingeschränkten Abgrenzungsfähigkeit? - und wenden sich dann einem Heil(er)-Beruf zu. Nicht selten fühlen sie sich angezogen von „Parallelwelten“, von Spiritualität oder von der geistigen Welt, oder von der Welt der Verstorbenen. Zuvor wurden von mir die leidvollen Symptome ausführlich dargestellt. Daher möchte ich ausdrücklich auf positive Aspekte hinweisen, die ich regelmässig bei überlebenden Zwillingen gefunden habe. Trotz ihrer offensichtlichen tiefen Verwirrung: • Sie sind sehr ehrlich und offen. • Sie haben etwas sehr Redliches, sie möchten nichts falsch machen. • Sie haben ein sicheres Gefühl, für das, was stimmig ist. • Sie haben „ein Gespür für Qualität“. Und • sie geben nicht auf-trotz heftigster Widrigkeiten! Vielleicht weil sie so früh schon eine Zweierbeziehung erlebt haben, die damals NUR beglückend war?
Bewältigungsstrategien, um das Getriggert-werden zu vermeiden Die bisher aufgezählten Symptome könnte man als „primäre“ Symptome bezeichnen. Wenn mehrere dieser Symptome vorhanden sind, verstehe ich das als ein Indiz für einen vorgeburtlichen Zwillingsverlust. Auch deshalb habe ich versucht, sie so präzise wie möglich zu beschreiben! Dazu kommen dann „sekundäre“ Symptome, die durch Bewältigungsstrategien entstehen. Die primären Symptome verstärken sich, wenn sie „getriggert“ werden durch Aspekte des frühen Verlusttrauma´s: Trennung, Abschied, Verlassen werden. Auch wenn die Betroffenen selber weniger beachtet werden, z.B. weil eine andere Person Aufmerksamkeit auf sich zieht. Bisweilen kann sogar das „Glück“ einer ausschliesslichen Zweisamkeit massive Verlust-Ängste auslösen. Das ist für die Betroffenen – und deren Beziehungspartner – völlig unverständlich und verwirrend. Und es belastet zunehmend die soziale Beziehungen.
Verständlich, dass gerade intelligente Betroffene Vermeidungsstrategien entwickeln, um sich - und ihrer Umgebung - diese Gefühlsausbrüche zu ersparen. Sie versuchen daher, die Situationen, die sie triggern, zu vermeiden, durch Kontroll-Tendenzen, durch Rituale, die bizarre Formen annehmen und wie Zwangs-Symptome erscheinen können. Sie entstehen unbewusst, und daher können sie auch durch rationale Erörterungen wenig oder gar nicht beeinflusst werden.
Primäre und sekundäre Symptome haben eine Tendenz, sich zu verstärken. Das belastet die sozialen Beziehungen, und kann bis zum emotionalen und sozialen Rückzug führen. Daher suchen die Betroffenen bisweilen Hilfe bei Fachleuten.
Zusätzliche Taumatisierung durch eine Diagnosen-orientierte Therapie Leider ist es immer noch so, dass die meisten Therapeuten vorgeburtliche Traumen und damit auch den frühen Zwillingsverlust nicht kennen, da es dafür lange keine wissenschaftlichen Beweise gab. Diesen Standpunkt hatte ja ich selber früher vertreten. Daher können sie nicht eine Therapie anbieten, die an den Ursachen orientiert ist. Umso mehr, da bis vor 20 Jahren das „Dogma“ verbreitet war: gespeicherte Traumata können nicht gelöscht werden, selbst wenn sie bewusst sind. Unter „Therapie“ wurde daher allgemein verstanden, • die richtige Diagnose zu finden (orientiert an den Symptomen – etwaige verursachende Traumen waren irrelevant), und dann • geeignete Massnahmen anzuwenden, um die störenden Verhaltensweisen zu unterbinden. Dabei gab es im Wesentlichen • zwei Methoden: die tiefenpsychologische, und die Verhaltenstherapeutische.
Für die Betroffenen konnte das sehr belastend sein: ihr bereits bestehendes Gefühl, irgendwie „falsch“ zu sein wurde zusätzlich verstärkt, indem ihnen eine – meist „psychiatrische“ Diagnose zugeordnet wurde. Wenn dann die Therapie keine Wirkung zeigte – weil ja die eigentliche Ursache ihrer Probleme nicht erkannt und schon gar nicht aufgelöst wurde - dann erlebten die Betroffenen das als erneutes „Versagen“, das ihr negatives Selbstbild noch weiter verstärkte.
Eine Trauma-orientierte Therapie Inzwischen hat ein Paradigmenwechsel stattgefunden. Gedächtnisforscher haben vor ca. 20 Jahren ein angeborenes Selbstheilungspotential entdeckt: auch früh gespeicherte Traumen können „gelöscht“ werden, bis ins hohe Alter – durch Aktivierung dieses Potentials der REKONSOLIDIERUNG. Seitdem haben sich mehrere Therapiemethode entwickelt, die mit Hilfe dieses Prinzips rasche und anhaltende Wirkungen erzielen. Dazu gehören unter anderem GEDÄCHTNIS-REKONSOLIDIERUNG ( Bruce Ecker, Robin Ticic, Laurel Hulley) und EMDR (Thomas Hensel, „Stressorbasierte Therapie“). Unabhängig davon habe ich seit ca. 15 Jahren unter Verwendung des Aufstellungs-Settings das Konzept der „Systemischen Selbst-Integration“ entwickelt. Es gelang mir ein gemeinsames Grundmuster hinter der verwirrenden Vielfalt psychischer und somatischer Störungen zu erkennen und zu beschreiben: das Beziehungsmuster der destruktiven Symbiose. Weiter zeigte sich, dass dies Muster immer durch ein Selbstwert-beschädigendes Trauma ausgelöst wird – meist durch mehrere. Das von mir verwendete Aufstellungs-Setting war dazu besonders geeignet,da es den Klienten ermöglichte, unmittelbar körperlich spüren, wie verwirrend sich fehlende Grenzen auswirken: Ohne Grenzen kein eigener Raum. Ohne eigenen Raum keine Selbstverbindung, kein Selbstbestimmtes,kein authentisches Leben. UND die Klienten konnten körperlich spüren, wie aktive gezielte Abgrenzung sich zunächst verboten anfühlte – „Abgrenzungsverbot“ als Verwirrung durch das Trauma. Wenn sie sich dennoch die Abgrenzung erlaubten, dann erlebten sei eine bisher unbekannte Befreiung. Endlich konnten sie ihre „gesunde“ Kraft konstruktiv für sich selber einsetzen. Wenn sie alles „Ich-Fremde“ aus ihrem Raum entfernten, konnten sie das Glück der Selbst-Verbindung erleben.
Schon früh erkannte ich – wie oben angedeutet – dass sich dies Konzept auch zur Abklärung und zur Behandlung vorgeburtlicher Traumata einsetzen lässt. Beim frühen Zwillings-Verlusttrauma sind dazu folgende Schritte für den Klienten erforderlich: • Den Zwilling – den er sich unbewusst quasi „einverleibt“ hatte - wahrzunehmen als eigenständiges und in sich vollständiges Wesen, das sein eigenes Schicksal hatte. • Es würdigen, dass er den Klienten auf diese Welt begleitet hatte, sodass dieser nicht alleine war, sondern schon so früh eine wunderbare Beziehung erleben konnte. • Erkennen, dass das bisherige unbewusste „Festhalten“ des inzwischen verstorbenen Zwillings für beide belastend ist. Den Zwilling hindert es daran, seinen Frieden zu finden. Den Klienten hat es daran gehindert, in sein eigenes unbeschwertes Leben zu gehen. • Der Abschied vom Zwilling, und ihn loslassen – „dahin wo er endlich seinen Frieden findet.“ Dieser Schritt kann heftigen Trennungsschmerz auslösen – aber dieser Abschiedsschmerz ist doppelt heilsam: • Der Klient lernt, seine Grenzen und seinen eigenen Raum wahrzunehmen. • Das ist die Voraussetzung, um wieder mit seinem Wesenskern zu verschmelzen – statt wie bisher irrtümlich mit seinem Zwilling.
Diese aktuelle Vorgehensweise – inzwischen nur noch online, mit Symbolen statt mit Repräsentanten – können sie in diesem Video erleben: https://youtu.be/Qe3GSo6tljQ