SYSTEMISCHE SELBST-INTEGRATION Diese Therapiemethode verstehe ich als Variante der systemischen Therapie, der systemischen Psychiatrie. Im Folgenden möchte ich den Unterschied zwischen der traditionellen biologisch orientierten (Schul-)Psychiatrie und der systemischen Psychiatrie skizzieren.
Biologische Psychiatrie An den Universitäten und in den psychiatrischen Praxen wird überwiegend die so genannte biologische Psychiatrie praktiziert. Psychische Störungen werden als Störung eines Individuums verstanden, und an Hand von „Defiziten“ definiert und nach einem Diagnoseschema (ICD10) diagnostiziert. Mit einem ungeheuren Aufwand wurde biologische Ursachenforschung betrieben, wurde nach Korrelationen mit bestimmten Genen oder bestimmten Hirnstoffwechselphänomenen („Neurotransmitter-störungen) gefahndet. Als Ergebnis gibt es eine grosse Anzahl von Psychopharmaka, die durchaus wirksam bei der Behandlung von psychischen Störungen (Depressionen, Psychosen) sind. Psychosoziale Ursachenforschung und eine daraus abgeleitete Psychotherapie spielen demgegenüber eine geringere, allenfalls begleitende Rolle. Aus systemischer Sicht habe ich gegen diese vorwiegend biologisch orientierte Psychiatrie grundsätzliche Einwände: Der Schwerpunkt auf biologische Forschung und die Vernachlässigung der Psychotherapieforschung hat keine sachlichen Gründe, sondern finanzielle: Forschung ist sehr teuer, der Staat gibt kein Geld für Forschung. So entstand eine „Symbiose“ zwischen Psychiatrie und Pharmaherstellern: die Psychiatrie braucht Geld – das hat die Pharmaindustrie. Diese braucht Patienten, um die Wirkung der neuen Präparate zu überprüfen und wissenschaftlich geschulte Kräfte, die Einnahme und Wirkung überprüfen, dokumentieren und auswerten – das hat wiederum die Psychiatrie. So ist es verständlich, dass es in der psychiatrischen Forschung und Lehre vorwiegend um biologisch-psychiatrische Themen geht. Die Pharmaindustrie gibt die Themen vor – und der Erwartungsdruck wirkt sich auch auf die Ergebnisse aus. Unerwünschte Ergebnisse werden nicht publiziert sondern wandern in den Papierkorb. Das Diagnose-System ist auf das Individuum bezogen, es ist starr und nach Defiziten orientiert. Der Psychiater identifiziert seinen Patienten mit diesen Diagnosen, mit diesen Defiziten. Das kann bereits stigmatisierend wirken. Hinzu kommt: Die Psychiatrischen Diagnosen sind in Deutschland – immer noch! - sehr belastend. Es gab bei uns eine Zeit, in der Menschen wegen einer solchen Diagnose als lebensunwert eingestuft und „eunthanasiert“ wurden. Das sitzt den Menschen noch in den Knochen, über Generationen. Ein „braver“ Patient übernimmt die Diagnose seines Psychiaters und schluckt die verordneten Tabletten. Systemisch gesehen wirkt hier ein Machtgefälle zwischen Arzt und Patient, und das wirkt nicht Autonomie-stärkend, sondern Symbiose-fördernd. Der psychiatrische Patient hat in der Regel bereits ein ausgeprägtes Symbiosemuster, er ist gewohnt, sich an fremde Erwartungen anzupassen, sich fremdem Urteil zu unterwerfen, selbst wenn es ihn destruktiv festlegt. Ein Patient, der sich gegen eine Diagnose, gegen Psychopharmaka wehrt, wird in der Psychiatrie als „Non-compliant“ bezeichnet. Dabei ist er vielleicht gesünder als der „angepasste“ Patient. Die einseitige Fixierung auf genetische Verursachung psychischer Erkrankungen hat in den letzten Jahrzehnten durch die so genannte „Epigenetik“ eine Wandlung und Erweiterung erfahren. Es konnte gezeigt werden, dass bestimmte genetische Veranlagungen nicht zwangsweise zu einer Erkrankung führen, sondern dass es bestimmte Umweltreize braucht, um die Gene „einzuschalten“, so dass sie ihre krankmachende Wirkung entfalten können. So bekommen auf einmal psychosoziale Umweltfaktoren auch innerhalb der „biologischen Psychiatrie“ wieder eine grössere Bedeutung.
Systemische Psychiatrie Das hier vorgestellte Symbiosekonzept verstehe ich als Variante der systemischen Psychiatrie und Psychotherapie. Es betont die Fähigkeit des Patienten zur Selbstregulation, zur Selbstheilung und bezieht die abgespaltenen – aber nicht verschwundenen! - Selbstanteile als entscheidende Ressource mit ein. Hier wird der Einzelne als Teil eines selbstregulierenden Familiensystems verstanden. Dies erweiterte Verständnis ermöglicht es, Störung nicht als ein Problem des Betroffenen, sondern als Ausdruck einer Störung des Systems zu sehen. Weiterhin hat auch der Einzelne die Fähigkeit zur Selbstregulation. Und er ist in einem ständigen Entwicklungs- und Veränderungsprozess. Er ist seit der Zeugung freundlichen und gefährdenden äusseren Einflüssen ausgesetzt und entwickelt Strategien, um zu überleben. Als Embryo und Kleinkind besteht die Strategie zwangsläufig in Anpassung und Unterwerfung. Manche bleiben unbewußt in diesen Strategien stecken, das hindert sie daran, erwachsen zu werden und erwachsene Strategien entwickeln könnten. Aber sie entwickeln Kompensationsstrategien. Das hat etwas mit Lebendigkeit und Kreativität zu tun. Der biologische Psychiater interpretiert das als Defizit seines Patienten. Der systemische Psychiater setzt die aktuellen Probleme des Klienten mit den Traumatisierungen seiner Biografie in Beziehungen. Er kann den Überlebenswillen und die Kreativität des Klienten sehen und würdigen, wie er diese Herausforderungen bewältigt hat. Er kann dem Klienten, der ihm gerade seine Horror-Biografie erzählt hat, sagen: sie wissen, dass sie sehr stark sind! Sonst hätten sie das nicht überlebt! Das eröffnet auch völlig andere therapeutische Lösungsstrategien. Es erspart dem Patienten, sich mit einer defizit-orientierten Diagnose zu identifizieren. Für den Patienten, der bereits eine Kette von Traumatisierungen hinter sich hat, kann eine psychiatrische Diagnose wie eine erneute Traumatisierung wirken. Mein diagnostisches Instrument ist der Autonomie-Fragebogen und das Diagramm. Es zeigt die Einschränkung des Autonomiepotentials bzw. die Ausprägung des Symbiosemusters.