I.1. Das Symbiosemuster Als junger Psychiater beobachtete ich bei meinen psychiatrischen Klienten, dass ihre Probleme mit sich und mit anderen verursacht waren unter anderem durch folgende Tendenzen: Sich mehr nach den Ansichten und Gefühlen von Anderen, eigenen Angehörigen oder fremden Autoritäten, zu orientieren, statt nach den eigenen > Überanpassung, Selbst-Unsicherheit, vorauseilender Gehorsam, Fremdbestimmung statt Selbst-Bestimmung.
Sich ungefragt für die Probleme und Bedürfnisse anderer verantwortlich zu fühlen – statt für die eigenen > „Helfersyndrom“, mangelnde Selbstfürsorge.
Die gesunde Aggression (Wut) zu unterdrücken und eher gegen sich selbst zu richten – statt sie konstruktiv einzusetzen, um sich gegen Verletzungen zu wehren, oder sich bei Konflikten besser vertreten zu können > Aggressionshemmung, Opferrolle, fehlende Konfliktfähigkeit. Sich selber abzuwerten und zu verstecken, und gleichzeitig (!) sich anderen überlegen zu fühlen, durch Perfektionismus und Kontrolle > Instabiles brüchiges Selbstwertgefühl, schwankend zwischen magisch-grandioser Selbst-Erhöhung und depressiver Selbst-Erniedrigung. Diese Tendenzen zeigten sich in unterschiedlicher Ausprägung und in vielen Variationen und Kombinationen, Sie waren so verbreitet, dass viele Betroffene sie für „normal“ hielten. Traditionelle „sprechende“ Therapieformen bewegen sich in einem „linearen Modus“. Sie machen dem Klienten seine eingeübten problematischen Verhaltensweisen bewusst und empfehlen ihm, andere Verhaltensweisen zu trainieren. Dieses „Extinctionslernen“ kann gewissen Erfolg haben. Es hilft, die problematischen spontanen Impulse zu unterdrücken, jedoch ohne sie aufzulösen. Daher sind diese Verahren „mental anstrengend“ und stressig.
Unzufrieden mit diesen Methoden suchte ich nach einem tieferen Verständnis dieser Phänomene, um andere wirksamere Vorgehensweisen zu erproben. Ich verstand die oben genannten verwirrende Aspekte als Symbiosemuster und konnte sie zurückführen auf eine doppelte Dynamik, die sich selbst verstärkte im Sinne eines Circulus vitiosus:
• die unbewusste Identifizierung mit Ich-Fremdem – statt mit dem Eigenen (dem Wesenskern, dem SELBST), • die unbewusste Distanz zum Eigenen – statt Abgrenzung gegenüber dem Fremden.
Diese doppelte Dynamik des Symbiosemusters verhinderte Selbst-Bestimmung und Autonomie der Betroffenen.
I.2. Aufstellungsmethode und die Einführung des SELBST Um den Zusammenhang zwischen Autonomie und Symbiose besser zu verstehen, und um alternative Lösungsstrategien entwickeln zu können, experimentierte ich mit der Aufstellungsmethode. Während die „sprechenden“ Therapien einen „linearen Modus“ verwenden, stellt die Aufstellungsmethode eine zweidimensionalen Fläche zu Verfügung und ermöglicht es, Repräsentanten oder Symbole für Personen und z.B. für Traumen einzusetzen. So können die komplexen Beziehungen zwischen diesen Elementen präziser verdeutlicht und untersucht werden. Wenn z.B. der Klient ein eigenes Trauma, oder eine verlorene Bezugsperson durch Symbole aufstellte, wurde ihm geradezu körperlich spürbar, wie räumlich nahe ihm diese belastenden Elemente waren. Ihm wurde bewusst wie sehr er sich bisher an Ich-Fremden Elementen orientierte: an Personen (Angehörigen, Autoritäten) oder belastenden Elementen (Traumata, Glaubenssätzen), so als gehörten sie zu seiner Identität. Diese Elemente bildeten ein „Introjekt, welches bisher seine Autonomie, eine Orientierung an eigenen Überzeugungen, Gefühlen und Bedürfnissen verhindert hatte, ohne dass ihm das bewusst war. Diese Erkenntnis war bereits befreiend, erklärte sie doch die Probleme, für die er sich bisher abgelehnt hatte. Aber es erwies sich als schwierig oder als verboten, sich von den bekannten Elementen zu distanzieren, die ihm bisher Zugehörigkeit zu seinem Kollektiv vermittelten und als Orientierung dienten. Um dem Klienten diese Distanzierung zu ermöglichen, bot ich ihm einen Repräsentanten für das Eigene, für den eigenen Wesenskern: das SELBST.
Exkurs Die Vorstellung von einem SELBST finden wir in den spirituellen Traditionen aller Weltreligionen. C.G. Jung (Individuation als Weg vom Ich zum Selbst) und die Vertreter der „Humanistischen Psychologie“ verwenden diesen Begriff auf ähnliche Weise. Das Recht auf Selbst-Bestimmung steht im Grundgesetz unserer Verfassung. Das Bewusstsein für die menschlichen Grundrechte wurden durch die Aufklärung geweckt und ermöglichte die Ablösung feudaler Machtstrukturen durch demokratische Verfassungen.
Überraschend war für mich, dass die bekannten theoretischen Konstrukte von Selbst und Selbst-Bestimmung in der emotionalen Realität meiner Klienten keine Rolle spielten. Obwohl dem Klienten durch die Aufstellung seine bisherige Verwirrung und Belastung durch Fremdes bewusst wurde, fühlte es sich für ihn verboten an, sich von dem Ich-Fremden zu distanzieren und stattdessen sich mit dem Eigenen zu identifizieren. So als würde er dadurch die Zugehörigkeit zu seiner Familie verlieren. Offensichtlich gibt es in traumatisierten Familien diese Bindung durch Leid. Diese Bindung war zwar belastend und verwirrend, aber dennoch gab sie die Illusion von Sicherheit. Eine alternative Orientierung an eigenen Überzeugungen, Gefühle und Bedürfnissen war dem Klienten fremd. Diese Elemente waren ihm kaum bekannt, oder erschienen ihm als vage, als wenig vertrauenswürdig oder sogar gefährlich. Diese emotionale Verwirrung durch ein verinnerlichtes „Abgrenzungsverbot“ war meist so „in Fleisch und Blut“ übergegangen, dass es durch rationale Belehrungsversuche alleine nicht aufgelöst werden konnte.
I.3. Systemisches Autonomie-Konzept und die Funktion einer Struktur
Die zweidimensionale Ebene der Aufstellung machte dem Klienten – und mir – möglich, zu unterscheiden zwischen einem eigenen Raum – und dem Raum eines Gegenübers. So wurde dem Klienten das Recht auf einen eigenen Raum bewusst, mit einer Grenze zum Gegenüber. Er konnte erkennen, dass die Ich-fremden Elemente die Mitte seines Raumes eingenommen hatten, als „Introjekt“, sodass das Eigene verdrängt wurde. War das der Grund dafür, dass ihm sein Eigenes – irrtümlich! – unbekannt und verboten bzw. gefährlich erschien? Konnte eine bessere Selbst-Verbindung dadurch erreicht werden, dass der Klient die Ich-fremden Elemente erkannte und aus seinem eigenen Raum mit Entschiedenheit entfernte? Sollte sich das als verboten anfühlen („Abgrenzungsverbot“), war es dann hilfreich sich nach seinem klaren Verstand zu orientieren – statt wie bisher nach einem „verwirrten Gefühl“?
I.4. Selbstverbindung durch Abgrenzung Es zeigte sich dass diese „Strategien“ hilfreich waren: Der Klient fühlte sich nach diesen Aktionen besser, seelisch aber auch körperlich. Er spürte die eigenen Füße und den Boden, er spürte eine innere Weite und Wärme. Er richtete sich auf, die bisherige Anspannung liess nach. Er fühlte sich frei und unbeschwert. Und oft erinnerte er sich daran, dass er sich immer gesehnt hatte nach dem Glück dieser Selbstverbindung, und dass er es in kostbaren Augenblicken auch schon früher erlebt hatte: in der Natur, fern von zuhause, oder in der Kunst. Die körperliche Erfahrung dieses Glücks der Selbst-Verbindung erleichterte es ihm, sich entschieden von allen Ich-fremden Elemente anzugrenzen, die ihm bisher dies Glück verhindert, und stattdessen nur Leid, Verwirrung und Erschöpfung gebracht haben. So wurde dank der Aufstellungsmethode die Dynamik von Autonomie und Symbiose sichtbar. Es entstand das Konzept der systemischen Selbst-Integration (SSI). Gezielte Interventionen, unter anderem ein Training der Abgrenzung bewirkten, dass der Klient eine Wahrnehmung für Struktur entwickelte. Die körperliche Erfahrung, seine Kraft wieder für sich – statt gegen sich – einzusetzen, vermittelt ihm sofort ein anderes Selbstwertgefühl. Auf diese Weise konnte er sich befreien aus der bisherigen Fremdbestimmung und Abhängigkeit und die Freiheit der Selbstbestimmung erleben.
I.5. Autonomie-Fragebogen und -Diagramm Durch einen Fragebogen wird die Einschränkung der Autonomie, und die dadurch entstehende Ausprägung des Symbiosemusters gemessen und im „Autonomie-Diagramm“ grafisch dargestellt. Die Einschränkung der • Autonomie-Aspekte: A Abgrenzung, B Selbst-Verbindung und C Integration aggressiver Impulse erzeugt die korrespondierenden • Symbiose-Aspekte: D Überabgrenzung, E Übergriffigkeit (sich mehr in fremden Räumen zuständig zu fühlen als im eigenen Raum) und F auto-aggressive Tendenzen auf seelischer und körperlicher Ebene. So lässt sich mit einem Blick die Ausprägung des Symbiosemusters erkennen, und damit das Ausmass der Traumatisierung. Veränderungen des Diagramms nach einer Aufstellung zeigen, ob die Aufstellung wirksam war, d.h. ob die Autonomiewerte zu- – und die Symbiosewerte abgenommen haben.
Wie dieses Konzept zur Klärung von Beziehungs-Problemen und zur Bearbeitung von Verlust- und Gewalt-Traumen angewendet werden kann, habe ich in meinem Buch "Symbiose in Systemaufstellungen" 2015 beschrieben.