Karl Jaspers Die Atombombe und die Zukunft des Menschen.
Mit der Erfindung der Atombombe hatte die Menschheit zum ersten Mal die Möglichkeit, sich selbst auszulöschen. Das hat vor 60 Jahren den deutschen Psychiater und Existenzphilosophen Karl Jaspers zu einer grundsätzlichen Erörterung herausgefordert. („Die Atombombe und die Zukunft des Menschen“, 1961, dtv S.316) Die Bedrohung des Menschen durch den Menschen ist in den letzten 60 Jahren nicht geringer geworden, im Gegenteil. Daher scheinen mir seine Überlegungen auch heute noch aktuell. Jaspers hatte zuvor auch persönlich den kollektiven Druck Nazi-Deutschlands erlebt und ihm standgehalten. Er war mit einer Jüdin verheiratet, blieb in Deutschland und konnte mit seiner Frau das Regime überleben. Diese existentiell bedrohliche Erfahrung prägt seine Sichtweise und sein Denken. Nachdem er ausführlich die verschiedenen politischen, gesellschaftlichen, philosophischen und moralischen Aspekte dieses Themas diskutiert hat, kommt er zu der Frage: was ist für den Einzelnen zu tun? Nachdem er beschrieben hat, was alles zu einer Lösung nicht taugt, kommt er zu dem Schluss, dass jeder Einzelne sich ändern muss. Warum ist das so schwierig?
„Ich fliehe vor der Stimme aus dem Inneren, die nur dem Ernst der Besinnung hörbar wird. Ich fliehe vor der unendlichen Forderung der Umkehr meines Willens selber, vor dem von mir Überschrieenen oder stillschweigend Verdeckten. Ich fliehe vor dem, was ich, obgleich ich es mit allen Menschen gemeinsam bin, doch nur in der persönlichen Gestalt, als je dieser, je einmal, durch keinen anderen ersetzbar, sein kann. All dieses ist auf kein Vordergründiges, kein zu Machendes, keine von der Freiheit befreiende falsche Autorität (wahre Autorität führt zur Freiheit) abzuwälzen. Erst wenn diese Flucht aufhört und die Umkehr vollzogen ist,werde ich ich selbst. Dann löst sich die Einsamkeit, in deren Tiefe die Umwendung geschieht (und die in der Einsamkeit ständig wiederholt werden muß). Diese Einsamkeit ist nur noch der eine Pol, aus dem umso reiner die offene Kommunikationsmöglichkeit entspringt. Wo die in sich wachsende Kraft der Polarität von Einsamkeit und Kommunikation nicht gewagt wird, da trifft der eigenwillige Trotz des Soseins, in verschleierter Wut, auf den anderen, der dasselbe ist. Beide werden in eine Einsamkeit gestossen, die doch keine ist. Denn da in ihr das Selbstsein ausbleibt (das nur in Kommunikation mit anderen Selbst zu sich kommt), ist sie als Leerheit vielmehr die Verlassenheit infolge der eigenen Inkommunikabilität, die Verlassenheit vom anderen von mir selbst und von der Transzendenz mit dem verzweifelten Bewußtsein, überflüssig, weil nichts zu sein.“ Dieser Text berührt mich auch heute noch durch seine Unerbittlichkeit und durch seine Sprache. Und ich meine, Parallelen zu dem Konzept der „Systemischen Selbst-Integration“ zu sehen. Ich fliehe vor dem, was ich, obgleich ich es mit allen Menschen gemeinsam bin, doch nur in der persönlichen Gestalt, als je dieser, je einmal, durch keinen anderen ersetzbar, sein kann. Solange wir uns über das Kollektiv definieren, uns dem Kollektiv anpassen, erscheint uns unser Selbst als fremd, vielleicht sogar als bedrohlich, da es die Anpassung an das Kollektiv erschwert oder blockiert. Und sehr zutreffend beschreibt er das Einzigartige des Selbst, obwohl wir es mit allen Menschen gemeinsam haben. Erst wenn diese Flucht aufhört und die Umkehr vollzogen ist, werde ich ich selbst. Dann löst sich die Einsamkeit, in deren Tiefe die Umwendung geschieht (und die in der Einsamkeit ständig wiederholt werden muß). Was Jaspers hier als Einsamkeit beschreibt, entspricht dem Gefühl, das dann entsteht, wenn ein Mensch sich gegenüber einem destruktiven Kollektiv abgrenzt, um sich selber, seinem Selbst treu zu bleiben. Dabei kann es sich um die eigene destruktive Familie handeln, aber auch um das destruktive Kollektiv eines totalitären Regimes. Und das war ja eine Erfahrung, die Jaspers persönlich machen musste. Jaspers verwendet nicht die uns vertrauten Begriffe „Grenze“ und „Abgrenzung“, die das von ihm beschriebene Phänomen, wie mir scheint, noch besser beschreiben. Und die vor allem einen gangbaren Weg aufzeigen, um sein Selbst zu finden, mit dem man sich dann nicht mehr einsam fühlt. Diese Einsamkeit ist nur noch der eine Pol, aus dem umso reiner die offene Kommunikationsmöglichkeit entspringt. Erst die Verbindung mit diesem Selbst ermöglicht Authentizität, ermöglicht eine Kommunikation von einem ICH zu einem DU. Das was Jaspers als zwei entgegengesetzte Pole beschreibt, zwischen denen man sich immer wieder bewegen muss, das entspricht den beiden extremen Positionen einer Überanpassung und einer Überabgrenzung, zwischen denen man zwangsläufig hin und her pendelt, wenn man nicht eine Grenze hat und einen eigenen Raum. Wenn ich diese innere Grenze habe, dann kann ich im Kontakt zu einem Gegenüber gleichzeitig mit mir selber verbunden bleiben UND den anderen wahrnehmen, als der der er ist.
Wo die in sich wachsende Kaft der Polarität von Einsamkeit und Kommunikation nicht gewagt wird, da trifft der eigenwillige Trotz des Soseins, in verschleierter Wut, auf den anderen, der dasselbe ist. Beide werden in eine Einsamkeit gestossen, die doch keine ist. Denn da in ihr das Selbstsein ausbleibt (das nur in Kommunikation mit anderen Selbst zu sich kommt), ist sie als Leerheit vielmehr die Verlassenheit infolge der eigenen Inkommunikabilität, die Verlassenheit vom anderen von mir selbst und von der Transzendenz mit dem verzweifelten Bewußtsein, überflüssig, weil nichts zu sein.
Hier spricht Jaspers mit der Wucht eines alttestamentlichen Propheten, eines „Mahners in der Wüste“ der wohl schon ahnt, dass seine Wahrheit nicht gehört wird. Er spricht in einer heroischen Attitude, so als sei es – wenn überhaupt, dann nur wenigen möglich, diesem Weg zu folgen.
Im Konzept der SSI wird das von Jaspers beschriebene Phänomen als Ausdruck des weit verbreiteten Symbiosemusters, als kollektive Selbst-Entfremdung verstanden. Und es geht aus meiner Sicht noch einen Schritt weiter als Jaspers. Indem es die Phänomene Grenze und eigener Raum berücksichtigt, erlaubt es Lösungen auch für Menschen wie Du und Ich. Diese Erfahrung mache ich täglich in den Einzelsitzungen mit Klienten. Und in einer noch intensiveren Form bei den Aufstellungs-Seminaren. Dabei wird immer wieder deutlich, welch unglaubliches Potential an Kraft und Liebe in jedem Menschen steckt. Es ist nur verdeckt und überlagert durch eine kollektive Konditionierung zur Anpassung und Selbst-Entfremdung, und durch zusätzliche Verlust- und Gewalt-Traumen welche das selbst-entfremdende Muster der Symbiose noch verstärken. In einer symbiotischen Paarbeziehung zum Beispiel wirkt der Anpassungsdruck als „Harmoniebedürfnis“. Da beide eine offene kontroverse Diskussion als „verletzend“ empfinden, und daher das Finden eines Kompromisses nicht möglich ist, bleibt beiden nur die Anpassung. Ich versuche, mich für ihn zu verbiegen, passe mich dem an, was ich für sein Bedürfnis halte. Oder ich versuche ihn – mehr oder weniger subtil - so hinzubiegen, dass er zu mir passt. Manipulation und Selbst-Manipulation. Was beide vielleicht für „Liebe“ halten, ist jedoch gegenseitige Abhängigkeit. Und das macht Wut, die man erst unterdrückt, gegen sich selbst richtet, bis sie explodiert und den anderen trifft. So schlägt „Liebe“ um in Hass. Wenn sie beide in einer Aufstellung lernen, sich – gegen diesen konditionierten Anpassungsdruck! - gegenseitig abzugrenzen, und abgegrenzt zu werden, ohne sich dafür schuldig zu fühlen oder gekränkt sein zu müssen, dann können sie sich auf Augenhöhe begegnen, als Erwachsene. Dann können sie sich entscheiden, ob sie noch in die „Liga der Kuschelkätzchen“ gehören wollen – oder in die „Liga der Tiger“. Wenn sie dann besser mit ihrem „wahren Selbst“ verbunden sind, und sich dem anderen so zeigen können, wie sie wirklich sind, dann erleben sie beide, dass sie dadurch für den anderen attraktiver werden. Statt einer (symbiotischen) Bindung durch Abhängigkeit, wird eine erwachsene Bindung durch gegenseitige Anziehung möglich. Wenn so die Achtung für sich selbst – und für den anderen entsteht, dann ist wirkliche Liebe möglich. Die gemeinsame Erfahrung, dass dies Potential durch die Methode der SSI „befreit“ werden kann, ist immer wieder überwältigend.
Ero Langlotz München, Jahreswende 2017/18.
Dazu Christl Lieben 2.4.2018: ich hab mir den Jasperstext angehört und er beschreibt es punktgenau. Die Umkehr findet in der Einsamkeit statt - kann nur dort stattfinden und wenn die Umkehr vollzogen ist, dann geschieht die Öffnung hinaus in den Kontakt mit Menschen und dem Leben. Der ungestörte Aufenthalt in der eigenen tiefen Stille ist für mich lebensspendend. Das was sich da ereignen kann ist ein Schatz, den man dann gerne mit der Welt teilt. Ich verstehe Jasoers Begriff ger Einsamkeit nicht negativ sondern es ist die innerste Herzkammer, in der man der eigenen tiefsten Tiefe und gleichzeitig Gott begegnen kann - aber nicht unbedingt immer begegnet, wenn die Geräusche des eigenen Lebens allzu laut in die Herzkammer dringen. Wenn der Umkehrprozess in der Herzkammer vollzogen ist, dann wird sie eins mit dem Leben „draussen“ in dem Sinne, dass sie nach außen wirkt aber im Innersten dem Außen verborgen bleibt, weil das Innerste nicht in Worte gefasst werden kann oder möchte.
Lieber Ero, deine Anmerkung zu Jaspers Text hat mich persönlich sehr berührt, weil ich mich schon als Jugendliche von den nicht eingängigen Texten Jaspers und seiner Philosophie angezogen gefühlt habe (ich bin Jahrgang 1958). Ich konnte Ende der 60iger und Anfang der 70iger Jahre nur einen intuitiven Zugang dazu finden, fühlte mich jedoch sehr verbunden mit ihm seltsamerweise, obwohl ich da keinerlei Vorbilder in meinem Umfeld hatte. Interessanterweise habe ich auch einen jüdischen Mann und dessen ganzes Schicksal geheiratet und bin in eine Symbiosebeziehung mit ihm hinein gerutscht, indem ich dem "falschen Selbst" gefolgt bin... Mein Prozess der "Selbstfindung" hat sehr lange gedauert, aber ich hatte Glück und bin immer wieder auf die richtige Spur gebracht worden, so dass ich für mich einen Heilungsweg fand - wie Parzival durch eigenes Hindurchgehen durch die Tiefen. Erst am Ende meines Heilungsprozesses, der mühsam war und auch gesundheitlich Folgen hatte, kam ich zu deiner Arbeit. Hier und heute erkenne ich die roten Fäden, die zusammen laufen - die Klarheit, die deine Arbeit vermittelt und den spirituellen Hintergrund, auf dem sie aufbaut. Ganz wunderbar! DANKE Wenn wir nicht eingebettet wären in den großen Strom von Zeit und Geschichte, von unseren Mitmenschen und Vorfahren (jeder hat ein Teilverständnis, manche mehr, andere weniger -die, die nur die materialistische Seite sehen, oft weniger)...hätten wir keine Ahnung von Philosophie und Psychologie vermute ich...Aber an den jungen Menschen von heute können wir sehen, dass auch da intuitiv ein neues Verständnis heran wächst, das wieder ganzheitlicher und verbindender wirkt... Hier erinnere ich mich an deinen letzen Beitrag aus deinem Paradies, wo du von den beiden Strömungen sprichst - nicht alle Menschen sind dazu berufen, zu verstehen und Gemeinschaft (oder Selbstliebe und dadurch Nächstenliebe) zu leben - gerade die schwer Traumatisierten, die ihrem falschen Selbst so sehr anhängen und nicht in der Lage sind zu kommunizieren, kämpfen "gegen den Rest der Welt" um die innere Leere auszuhalten... Ich würde mich daher sehr freuen, wenn es mehr Menschen in Zukunft gibt, die sich in den Prozess der Selbstfindung begeben - am besten geht es meiner Ansicht nach tatsächlich mit der Systematischen Selbstintegration Darum mache ich auch die Ausbildung im Frühjahr bei dir, um Andere noch mehr als bisher darin unterstützen zu können (bin Heilpraktikerin für Psychotherapie und Systemische Familientherapeutin) Ganz herzlichen Dank dir und allen vor dir, die dazu beigetragen haben (auch Karl Jaspers!).
Neuer Kommentar