Der Buddhismus beschäftigt mich schon lange, und immer mehr, seitdem ich in der verbreiteten Tendenz zur „Verschmelzung“ (Symbiosemuster) eine Erklärung für das Phänomen „Anhaftung“ gefunden und gezielte Lösungsstrategien entwickelt habe. Besonders faszinierte mich der tibetische Buddhismus, der in Tibet durch die chinesische Regierung unterdrückt wird. Auch in der Mongolei wurde der Buddhismus von den Sowjets verboten und bekämpft. Aber er überlebte im Untergrund und hat sich nach Erwerb der Unabhängigkeit wieder neu etabliert.
Daher nützte ich gerne die Gelegenheit, den in der Mongolei praktizierten Buddhismus kennen zu lernen. Zusammen mit meiner Frau verbrachte ich 10 Tage in Ulan Bataar der Hauptstadt der Mongolei. Wir besuchten täglich den Sheeny-Lama in seinem Kloster am Stadtrand, nahmen am Chöd-Ritual teil und bekamen von ihm Unterweisungen und Antworten auf Fragen. Eine mongolische Dolmetscherin übersetzte, da der Lama selber nur mongolisch und tibetisch sprach. Diese Reise war jedoch auch anstrengend, unter anderem wegen dem langen Flug, und zweimaligen Jetlag.
Schamanismus Die Bevölkerung der Monolei – wie auch Tibets – lebte lange als Nomaden. Der Schamanismus war – und ist – weit verbreitet. Der mongolische und tibetische Buddhismus hat den vorbestehenden Schamanismus dadurch zu verdrängen versucht, dass er Elemente des Schamanismus integrierte. Die heutigen Lamas halten nicht viel von den Schamanen. Ihr Argument: sie wüssten nicht, mit welchen Geistern sie zusammenarbeiten und das könnte gefährlich sein.
Haltung des Lama Bemerkenswert war die liebevolle und humorvolle Art des Lamas. Sorgfältig und genau – ähnlich wie ein guter westlicher Psychologe! - fragte er nach den Beschwerden eines Klienten und auch nach dessen Träumen. Eine Klientin mit gesundheitlichen Problemen berichtete von nächtlichen Alpträumen mit Erstickungsangst und dem Impuls, aufzuspringen und den Raum zu verlassen. Der Lama fragte sie, ob ein Verwandter durch Feuer umgekommen sei? Und es stellte sich heraus, dass ein Grossvater durch Bomben umgekommen war. Der Lama vermutete darauf hin eine Anhaftung des Grossvaters als Ursache für die Gesundheitsstörung der Klientin. Für diese war diese Vermutung sehr stimmig.
Manche Vorstellungen des mongolischen Buddhismus fand ich vom Standpunkt einer „Psychohygiene“ sehr bemerkenswert.
Erziehung Ein Kind habe seine eigene Seele, die Mutter solle daher nicht versuchen dem Kind ihre Seele zu geben, dann könn sich das Kind geistig nicht entwickeln, es werd dann unter Umständen „wie ein Stück Fleisch“ - wie ein Wesen ohne eigene Seele?
Der 3. Geburtstag eines Sohnes Dem Kind werden zum ersten Mal die Haare geschnitten, und zwar ganz kurz, fast rasiert, zum Ausdruck dafür, dass es jetzt ein Junge ist.
Aura Menschen mit einer kräftigen Aura können sich gegen diese Kräfte schützen. Wenn die Aura geschwächt ist, dann können die bösen, negativen - Kräfte wirken. Wenn andere Menschen Schlechtes von uns denken oder uns Schlechtes wünschen, dann schützt diese Aura auch dagegen. Sie wirkt dann wie ein Spiegel, an dem die Pfeile abprallen und „als Blumen“ zum anderen zurückkehren.
Den anderen lassen So könnte man folgende Empfehlungen des Lamas verstehen: Man muss den anderen – mit seinen schlechten Gedanken – nicht verstehen, um mit ihm gut umgehen zu können.
Man soll auch den, der einem Böses tut, nicht hassen sondern „lieben“ - indem man ihm Gutes wünscht. Vermutlich trotz allem die „Buddha-Natur“ des anderen achten, - bzw. sein „Selbst“? Man soll „Blinder unter Blinden und Lahmer unter Lahmen sein“- d.h. nicht besser sein wollen oder den anderen besser machen wollen. Vielleicht ihn achten, ohne zu bewerten?
Die „Geister“ der Verstorbenen Weit verbreitet ist die Vorstellung, dass die Geister der Verstorbenen negativ auf die Lebenden einwirken können, so als seien die Verstorbenen neidisch oder eifersüchtig auf die Lebenden, oder hätten Rachegedanken. Diese Vorstellung von der negativen Wirkung der Verstorbenen macht Menschen abergläubisch. Die Friedhöfe liegen weit ausserhalb der Stadt, wegen der „negativen Energien“ der Geister. Als ich an einem solchen Friedhof vorbei fuhr und ihn fotografieren wollte, da beschwor mich unsere Dolmetscherin – eine gebildete und westlich orientierte Mongolin – das nicht zu fotografieren, da ich dadurch die negativen Energien mit meiner Kamera aufnehmen würde.
Positiv dagegen sehe ich die Empfehlung, einem Kind nicht den Namen eines gerade Verstorbenen zu geben – das würden wir vom systemischen Standpunkt aus auch unterstützen. Einem Mann, der seinen Vater verloren hat, wird empfohlen, drei Jahre lang nicht dessen Grab zu besuchen. Das würde ich nicht so sehen, aber immerhin: Ein übertriebene Form von Erinnerungs- und Trauer-Kult erscheint auch mir eher belastend für die Lebenden.
Eine wichtige Aufgabe eines Lamas besteht darin, solche Anhaftungen von „negativen Energien“ zu erkennen und zu lösen durch Heilende Interventionen.
Chöd-Ritual Jeden Tag nahmen wir im Kloster des Lamas an einem Chöd-Ritual teil. Dabei rezitiert der Lama zusammen mit den Mönchen – darunter auch Buben zwischen 9 und 14 Jahren - tibetische Mantras in einem sehr typischen Singsang, begleitet von der Chöd-Trommel und einer Glocke. Zu manchen Strofen wird auch ein Blasinstrument aus einem Oberschenkelknochen oder einer Muschel verwendet. Dies Ritual soll die Anhaftung von negativen Energien lösen.
Feuer-Ritual Demselben Ziel dient ein Feuerritual. Dabei bringt der Lama ein Schwert in einem Feuer mehrmals zum Glühen und kühlt es dann in Wodka ab. Dann führt er das glühende Schwert seitlich rechts und links vom Kopf des Klienten von oben nach unten – so als würde er dadurch etwas „abschneiden“. Zum Schluss entzündet er den Wodka und gibt mit einer Schöpfkelle dem Klienten einen Schluck brennenden Wodka auf die Hand, um davon zu trinken und sich den Rest über die Haare zu streichen.
Tschoidschin-Ritual Das ist ein sehr eindrucksvolles Heilritual, auch als Staatsorakel bekannt. Wir hatten die Gelegenheit, ein solches Ritual zu erleben. Der Sheeni-Lama aus Ulan Bator hat es für uns – und eine kleine Gruppe ihm nahestehender – vollzogen. Seine Interpretation: sein Geist – der ihn bei seiner heilenden Tätigkeit unterstützt – nimmt von ihm Besitz. Was wir beobachteten: der Lama sitzt zunächst – geschmückt mit einem Festgewandt und einem grossen schweren Hut-ähnlichem Kopfputz auf seinem Sessel. Er atmet tief und gerät in Trance. Zunächst beginnt er zu zucken, dann steht er auf und macht einen grossen Sprung, geht zu Boden, steht wieder auf. Das wiederholt sich, dann springt er mit einem enormen Sprung auf seinen Sessel und wieder hinunter auf den Boden. Dort liegt er ermattet und wird von Mönchen in seinen Raum – neben dem Hauptraum des Klosters – getragen. Sobald er wieder zu sich gekommen ist, können Anwesende zu ihm kommen und ihm Fragen stellen, die sein Geist beantwortet.
Kommentar aus Therapeutischer Sicht Die suggestive Kraft der Rituale ist sehr eindrucksvoll. Auch wenn die Begriffe Abgrenzung, Grenze und eigener Raum nicht verwendet werden, so kann doch die Vorstellung von einer Aura, und ihrer Funktion, negative Energien, die von aussen kommen, wieder zurück zu spiegeln, als eine Entsprechung zur Grenze und zum eigenen Raum verstanden werden. Problematisch – da nicht die Autonomie fördernd – erscheinen mir die Vorstellungen von der negativen Wirkung der Verstorbenen. Vielleicht kann man sie verstehen als ein Erklärungsversuch für eine Beobachtung, dass durch unsachgemässe Bestattungen in der Nähe von Wohnungen Erkrankungen verbreitet wurden? Dann wären „negative Energien“ eine Umschreibung für Ansteckungsgefahr, die man früher nicht anders erklären konnte. - So wie auch das muslimische Verbot von Schweinefleisch möglicherweise hygienische Gründe hat. Auch ich beobachte in meine Aufstellungen „Anhaftungen“ von Lebenden an Verstorbene, allerdings ist es da immer umgekehrt: die Lebenden halten die Verstorbenen fest. Und wenn die Klienten das erkennen, dann können sie selber diese Anhaftungen lösen, indem sie sich von ihren verstorbenen Angehörigen verabschieden, indem sie sich ihnen gegenüber abgrenzen. Die Bewusstheit eines Klienten, die Kraft und das Recht zu besitzen, sich gegenüber dem Fremden abzugrenzen, scheint im mongolischen Buddhismus zu fehlen. Im tibetischen und mongolischen Buddhismus ist dafür der Lama erforderlich. Das schafft eine Abhängigkeit. Buddhismus – speziell in seiner tibetisch-mongolischen Form - schützt also nicht per se – wie ich ursprünglich vermutete - vor dem Thema Macht und Abhängigkeit. Ausserdem waren in der Mongolei buddhistische Lamas oft mit dem weltlichen Oberhaupt verbunden, z.T sogar verwandschaftlich: der letzte mongolische "Khan" und der oberste Lama waren Brüder!